Es scheint so, denn circa 1,8 Millionen Beschäftigte, darunter viele Minijobber, bekommen laut einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) immer noch zu wenig Gehalt

Welchen Nutzen haben gesetzliche Regelungen und über lange Zeit mühsam geführte Verhandlungen, wenn alle anschließend getroffenen Vorgaben scheinbar so einfach zum Nachteil von Millionen von Minijobbern nicht eingehalten werden? An dieser Stelle eine kleine Chronologie zum Thema Mindestlohn: Bereits im November 2013 wurde der Mindestlohn im Koalitionsvertrag verankert, im Mai 2014 erreichte das Mindestlohngesetz den Bundestag und im Januar 2015 wurde er eingeführt; die erste Anhebung erfolgte zwei Jahre später, im Januar 2017.

Die Tricksereien der Arbeitgeber sind bereits seit langem bekannt

Fast drei Jahre später zeigt eine aktuelle Langzeitstudie des DIW, in der Beschäftigte zu ihren Arbeitszeiten und ihrem Gehalt befragt wurden, dass (unter anderem auch) viele Minijobber um den Mindestlohn gebracht werden. Umso ärgerlicher ist das Studienergebnis, weil die Tricksereien der Arbeitgeber, die in dieser Untersuchung erneut aufgedeckt wurden, bereits seit langem bekannt sind.

Wie Arbeitgeber tricksen, um den Mindestlohn zu umgehen
Foto: © Andrey Kiselev – Fotolia.com

Wie die Tricks der Chefs aussehen, um die Zahlung des Mindestlohns zu umgehen, darüber haben wir von Nebenjob.de übrigens bereits im Januar 2015 berichtet: Wie Arbeitgeber tricksen, um den Mindestlohn zu umgehen. Ein erstes Studienergebnis zur Einhaltung des Mindestlohns in der Praxis wurde Anfang 2017 veröffentlicht, das ebenfalls in diesem Artikel nachzulesen ist.

1,8 Millionen Beschäftigte werden um den Mindestlohn betrogen – die Zahl liegt über der amtlichen Statistik

In der nun veröffentlichten Studie wertete das DIW in Zusammenarbeit mit der Universität Potsdam die Erhebungsdaten einer Langzeitumfrage aus. Die 1,8 Millionen Beschäftigten, die der Studie zufolge weniger als den Mindestlohn bezahlt bekommen, liegen übrigens über den amtlichen Statistiken. Während die amtlichen Zahlen Daten auswertet, die aus der Personalbuchhaltung der Arbeitgeber stammen, wurden für die neue Studie die Beschäftigten selbst befragt – ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Besonders betroffen sind der Studie zufolge Minijobber, Arbeitnehmer in kleinen Betrieben sowie Arbeitnehmer ausländischer Herkunft. Branchenspezifisch sind im Einzelhandel, in der Gastronomie und in der Baubranche mehr Verstöße durch Tricksereien der Arbeitgeber als in anderen Branchen festzustellen.

Scheinbar ist es allzu leicht, den Mindestlohn zu umgehen

Den Arbeitgebern scheint es also immer noch viel zu leicht gemacht zu werden, die gesetzlichen Vorgaben zum Mindestlohn zu umgehen. Alles also wie gehabt? Scheinbar ja, denn die Manipulationen gehen fast ungehindert weiter. Falls sich doch einmal ein Minijobber beschweren sollte, weil er sich betrogen fühlt, wird ihm unter Umständen auch mit Kündigung gedroht – dies wurde uns bereits mehrfach in Gesprächen von Minijobbern geschildert.

Und warum wird nicht mehr gegen die Betrügereien unternommen? Fehlende Kapazitäten, so ist zu lesen, lassen ausreichende Kontrollen nicht zu. Zudem sorgen viel zu lasche Sanktionen gegen Arbeitgeber dafür, dass diese bei Nichtzahlung des Mindestlohnes kaum etwas zu Befürchten haben.

Olaf Scholz, Hamburgs erster Bürgermeister, fordert sogar 12 Euro Mindestlohn

Angesichts dieser neuen Studie dürften Forderungen, wie sie jüngst Hamburgs erster Bürgermeister Olaf Scholz stellte bei vielen Arbeitnehmern gut ankommen: Scholz fordert die stufenweise Anhebung des Mindestlohns auf 12 Euro. Doch wenn sich selbst ein Mindestlohn von 8,84 Euro nicht überall in der Praxis umsetzen lässt, dürfte dies ein äußerst schwieriges Unterfangen werden.

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